Ist Neurotypisch sein eine Superkraft?

Superkraft "Ja" oder "Nein"? In Bezug auf ADHS ist meine Meinung (wie so oft) ein "Jein". Diese Frage lässt sich nur individuell beantworten, wenn man die jeweiligen Rahmenbedingungen, inkl. Privilegien mit im Blick hat.

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Ist Neurotypisch sein eine Superkraft?

Merkwürdige Frage? Ob bestimmte Formen von Neurodivergenz eine Superkraft sind, wird hingegen rege diskutiert. Bzw. gibt es bereits zwei Lager. die sehr eindeutige Meinungen haben.

Das eine Lager stilisiert und feiert z.B. ADHS eben als Superpower oder Geheimnis des Erfolges. Das andere Lager sieht darin vorwiegend eine Quelle von Leid, bzw. einen an den heutigen Lebens- und Arbeitsbedingungen verzweifelnden Neurotypen.

Ein Leben lang "zu" irgendwas

Doch über was wird eigentlich diskutiert? Bleiben wir bei dem Beispiel von ADHS. Viele Menschen mit dieser Diagnose haben einen hohen Leidensdruck. Oft ist Kritik von frühester Kindheit an, ein ständiger Begleiter. Zu viel, zu laut, zu wuselig, zu unbeständig, zu sprunghaft, dieses immer „zu“ irgendwas sein, dass hinterlässt Spuren. Vergesslichkeiten, Impulskäufe, emotionale Durchbrüche, usw. verfestigen das negative Selbstbild oft weiterhin. 

Mit der Diagnose kommt eine Erleichterung mit. Endlich eine Erklärung! Man ist nicht falsch, man ist nicht „zu“ – sondern „normal“ – ADHSstyle eben. 

Wie anstrengend, aber auch entlastend und empowernd fühlt es sich dann an, das eigene Leben im Rückblick nochmal neu zu bewerten. Und den Fokus auf die Stärken zu richten. Es ist zwar vieles ungünstig gelaufen, man hätte andere Unterstützung gebraucht, aber der eigene Neurotyp hat auch viele Vorteile. ADHS als Superkraft zu idealisieren kann das, gerade neu entstehende, positivere Selbstbild stabilisieren und weiter ausbauen. 

Durch Social Media, Foren, Chats, Selbsthilfegruppen entstehen neue soziale Kontakte, mit Menschen die „so sind wie ich“. Zusammengehörigkeitsgefühl und ein dazugehören, mit allen weirden Marotten. Und diese neuen sozialen Vernetzungen, auf Grundlage des gemeinsamen Neurotypen, verfestigt diese positive Entwicklung weiter. Und das ist alles wunderschön und kann viel zu einem dauerhaft besseren Leben beitragen.

Privilegien modulieren den Superkraft-Anteil

Problematisch wird es erst dann, wenn Privilegien außen vorgelassen werden, die ADHS als Superpower beflügeln oder überhaupt erst rmöglichen. Können Mahngebühren, vergessenes Urlaubsgepäck usw. einfach ersetzt werden, oder erledigt eine Sekretariatskraft Papierkram, das Steuerbüro die Steuer, usw. macht es das adhsige Leben ungemein leichter. Was wenn all das finanziell nicht möglich ist, Mahngebühren bedeuten den halben Monat zu hungern, oder verlegte Arbeitspapiere zur Kündigung führen? Dann sieht es nicht mehr ganz so super aus. 

Kurz: wer die finanziellen, persönlichen, arbeitstechnischen Rahmenbedingungen hat, die „Kosten“ der ADHS abzufangen, der kann sich auf die Stärken konzentrieren. Und sich nur auf die Superkraft-Seite konzentrieren.

Und jetzt? Superkraft oder nicht? Schauen wir auf die Frage aus der Überschrift. Niemand fragt sich, ob neurotypisch sein die Kraftquelle für eine Superheldin ist. 

Zusammenspiel von Anlage und Umwelt

Wie könnte eine neuronale Grundlage eine Superkraft sein? Ist es nicht viel mehr so, dass auf diesem synaptischen Boden die individuelle Entwicklung überhaupt erst stattfindet? Also, quasi ADHS als Fundament auf dem das neuro-Haus entsteht?

Die biologische Grundlage bildet im Wechselspiel mit der Umwelt, die individuellen Eigenschaften heraus. Nicht alle Merkmale sind bei allen Menschen mit ADHS gleich ausgeprägt. Nicht alle führen zu denselben Symptomen. Nicht alle sind störend, genauso wie nicht alle super sind. 

Denn was passiert mit dem gerade konstruierten positiven ADHS-Superkraft-Selbst, wenn doch wieder Probleme entstehen? Stürzt es einen wieder in das Tal der Selbstzweifel? Wenn man trotz Superpower schon wieder den Geburtstag der besten Freundin vergessen hat, oder die Schließtage der Kita falsch notiert hat? 

Ruht das neue Selbstkonstrukt nur auf einer Umkehr des „Versagen“-Bildes, kann es dauerhaft genauso schädlich sein, auch wenn es sich anfangs gut anfühlt. 

Auf die Nuancen kommt es an

Statt pauschal zu sagen, „ADHS ist meine Superkraft“ – ist der Blick auf die Details und die Umgebungsbedingungen viel hilfreicher.  Sich genau anzusehen, wo Schwierigkeiten auftauchen, welche Eigenschaften dies begünstigen, usw. und welche Rahmenbedingungen es braucht, um diese im Zaum zu halten und die Stärken auszubauen – dann kann daraus ein stabiles funktionales Selbstbild entstehen.

„Meine impulsive Umsetzung und unkonventionelle Herangehensweise ist meine Superpower“ – ist zwar kein ganz so guter Slogan, macht den Selbstwert langfristig aber stabiler.

Balance in der Therapie

Nach einer Diagnosestellung ist es völlig legitim sich auf die Stärken zu konzentrieren. Es ist oft auch nötig, um ein Gleichgewicht zu dem negativen Selbstbild zu schaffen.
Dies sollte auch in Therapien/Beratungen wertschätzend angestoßen und keinesfalls infrage gestellt werden. Es geht nicht darum, Menschen davon zu überzeugen, keine Superkraft zu haben. Sondern darum wo das eigene Ich unter welchen Umständen, mit welchen Hilfsmitteln und -stellungen, Superkräfte entfalten kann.
Und auch die Probleme, die sehr wahrscheinlich weiter auftreten, nichts am eigenen Wert als Mensch etwas ändern.

02.11.2026